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Lempa meets Ryck 2010 - Besuch aus El Salvador. Eine Nachlese

Rodolfo, Luis, Ana und Margarita kamen mit mehr als 24 Stunden Verspätung kurz vor Mitternacht in Berlin an, denn aufgrund heftiger Regen­fälle in Costa Rica hatte sich ihr Flug erheblich verzögert. So war bereits der erste - mit deutscher Gründlichkeit organisierte - Tag komplett über den Haufen geworfen worden.

Unter dem Motto RESPONSE-ABILITY begann am 28. Mai 2010 das „International Greifswald Students Festival“, für das sich die salvadorianischen Jugendlichen als einzige RepräsentantInnen Mittel­amerikas eingeschrieben hatten. Ein vielseitiges Programm bot jede Menge Gelegenheiten, mit StudentInnen aus aller Welt über gesellschaftliche Themen von weltweiter Relevanz zu diskutieren. So ging es beispielsweise um Bildung, Konsum, Ernährung, Ressourcen­verteilung, Klima­wandel oder Patente auf Leben. Ein Höhe­punkt war das Treffen der Kontinente, auf dem Ana und Margarita einen traditionellen Tanz präsentierten. Das Publikum ging begeistert mit und die Künstler­innen konnten die Bühne erst nach einer Zugabe wieder verlassen.

Am 1. Juni lud die Christus­kirche zur Veranstaltung „Jugend im Aufbruch in El Salvador“ ein. Die vier ReferentInnen hatten sich sehr professionell auf den Abend vorbereitet. Besonders beeindruckt hat, wie gut sich die Menschen in den Dörfern am Unter­lauf des Río Lempa, aus denen die Jugendlichen stammen, selbst organisieren. So springt beispielsweise in medizinischen Notfällen eine eigene Kranken­versicherung ein.

Den zweiten Sonntag verbrachten wir am Strand in Lubmin, wo ein ausnahms­weise strahlend schöner Sommertag einlud, zumindest die Füße ins kalte Ostsee­wasser zu tauchen, welches mit dem des Pazifiks freilich nicht im geringsten konkurrieren konnte.

Wind, Regen und frostige Temperaturen sollten uns den halben Juni hindurch treue Begleiter bleiben. „Das macht nichts, es ist toll, dass wir den Winter in Deutschland erleben können“, machten die vor Kälte klappernden SalvadorianerInnen aus ihrer Not eine Tugend.

Nach dem Festival blieb unseren Gästen noch genau eine Woche Zeit in Deutschland. Wir hatten uns in den Kopf gesetzt, ihnen möglichst viele weitere landschaftliche und kulturelle Eindrücke zu bieten. Schließlich sollten sie nach ihrer Rückkehr nicht erzählen, Deutschland sei flach, der Großteil der Bevölkerung lebe auf dem Land und das Grundnahrungsmittel hieße Matjes. Und so begaben wir uns auf eine kleine, aber feine Rundreise über Rostock nach Dresden und schließlich zurück zum Ausgangspunkt Berlin.

Aus Erfahrung wußten wir, dass man sich in Mittel­amerika nicht auf die Minute genau verabredet, sondern etwa auf die Stunde oder eine ungefähre Tageszeit. Dieses Tempo wäre auch für uns völlig in Ordnung gewesen, wären da nicht feste Zug­fahr­pläne oder Termine gewesen. Und so gaben wir bei unseren Ver­ab­redungen immer mindestens eine Viertel­stunde zu, um sicher zu sein, z.B. rechtzeitig den Bahnhof zu erreichen. Aber wie groß war dann jedesmal das Erstaunen auf beiden Seiten, wenn unsere Gäste bereits zehn Minuten zu früh auf gepackten Koffern im Foyer der Unterkunft saßen und auf uns warteten!

In den ersten Tagen fragte Luis immer wieder, ob es wirklich kein Problem wäre, nach Einbruch der Dunkelheit noch auf der Straße unterwegs zu sein. Nicht überall auf der Welt ist das eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Kurz vor ihrer Abreise erhielten Ana und Margarita in ihrem Zimmer in San Salvador, der Hauptstadt des Landes, einen anonymen Anruf. Man wollte sie um 500 Dollar erpressen, „wenn Ihr nicht zahlt, seid Ihr morgen tot“. Alltag in einem Land, in dem täglich ein Dutzend Menschen gewaltsam zu Tode kommen. Die Sicherheit Greifswalds mußte dagegen wie ein Traum anmuten.

Vielerlei Merk­würdig­keiten beanspruchten hingegen die Aufmerk­samkeit der Jugendlichen. Warum muß ausgerechnet der erste Hund, dem sie auf diesem Kontinent begegnen, ein Höschen anhaben? – „Nein, nicht alle Hunde hier tragen so was!“ – wir hätten die un­aus­weichliche Frage gern im Keim erstickt. Oder das Pärchen, das ausgerechnet hier und jetzt seinen Polterabend feiert. Bestürzt folgen vier Augenpaare jedem einzelnen Porzellan­teller, der klirrend zerspringt. Wie nur diesen Brauch jemandem erklären, der gerade genug Geschirr besitzt, damit die ganze Familie gleichzeitig essen kann? Am letzten Tag decken sich unsere Gäste mit riesigen Schokoladen­vorräten ein. Es sind Geschenke für ihre Familien. Ein Obdach­loser mit Bier­flasche in der Hand wünscht sarkastisch „Guten Appetit!“ und kann nicht wissen, dass es der erste Schokoladen­einkauf ihres Lebens ist.

Die Reisetage vergingen wie im Flug. Das sich zwischen Sand­stein­felsen dahin­schlängelnde blaue Band der Elbe beeindruckte ebenso wie die Silhouette der barocken Dresdner Altstadt. In Berlin besichtigten wir die Reste der Berliner Mauer, das Brandenburger Tor und eine Ausstellung über die deutsche Teilung und Wieder­vereinigung. Als letztes Bild schließlich sollte nicht die grandiose Aussicht aus der Glaskuppel des Reichs­tags­gebäudes in der Erinnerung haften bleiben, sondern jene auf eine nicht weniger grandiose, vor allem aber nicht endenwollende Menschen­schlange davor.

Es ist eine Heraus­forderung, in einer begrenzten Zeit komplexe Zusammenhänge zu vermitteln. Vieles mußte bei dieser Reise offen bleiben. Eine wichtige Erfahrung für die Gäste mochte sein, dass Trenn­linien nicht zwingend zwischen Kontinenten, sondern hier wie dort innerhalb von Gesell­schaften verlaufen. Und wir haben an den vielen, im ersten Moment manchmal seltsam klingenden Fragen der SalvadorianerInnen gemerkt, dass man in einem anderen Land oft Gefahr läuft, die eigenen Eindrücke nicht richtig zu interpretieren, weil man zunächst nur Puzzle­stückchen vor sich sieht. Und dass es sich lohnt, genau hinzuschauen und viel nachzufragen, wenn man das Puzzle zusammenfügen will.